Genesis im Supermarkt

Unsichtbare Berührungen greifen nach dem Herzen. Da guckt man schonmal erschrocken.
(Promopic aus dem Netz)

Diesertage stand ich in der Schlange im Supermarkt, vor mir den Einkaufswagen mit dem Allernötigsten.
Ich befand mich dort nicht, um ordentlich meinen Kühlschrank aufzufüllen, sondern nur, um so gerade eben mein Überleben zu sichern.
Wie so oft war mir das eine oder andere Lebensmittel ausgegangen und ich wollte mich noch nicht wieder auf den weiten Weg in den großen Markt, in dem es alle meine Wunschartikel gibt, begeben.
Also bin ich nur über die Straße zum Discounter gelaufen. Der Vorteil vom Discounter ist, dass der Einkauf nie über 20 Euro kostet, egal wie viel ich in den Wagen schmeiße. Der Nachteil ist, dass mir recht schnell die Ideen zum Indenwagenschmeißen ausgehen, weil ich weder riesige Familienpackungen haben will noch überhaupt das was dort in den Regalen steht.

An der Kasse im Discounter ist meistens eine Schlange. Obwohl viele  Kunden nur wenige Produkte einkaufen und obwohl die Kassiererinnen rasend schnell sind. Aber der Fluss wird immer wieder unterbrochen, wenn jemand sein Geld herauskramt und danach nicht schnell genug ist, den Krempel vom Band zu nehmen.
Es gibt nämlich keine Verlängerung des Bandes, wie in manchen Läden, in die man erstmal alles reinschieben kann, um es dann später einzupacken. Nein, hier musst du im Akkord einpacken, während es immer wieder „tröööt“ und „tröööt“ und „tröööt“ macht. Und wenn das letzte „tröööt“ verklungen ist, dann erwartet man, dass SOFORT die Kohle in der Hand ist und rübergereicht wird.
Das macht mich ganz nervös.
Überhaupt ist das Stehen in Supermarktschlangen ein echter Horror. Es ist zum einen langweilig. Außerdem gucken sich die anderen den eigenen Einkauf an. Fast wie in dem alten „Wat kosten die Kondome?“ Werbespot.
Ach ja, und man ist gezwungen, die anderen Kunden zu bemerken. Ich kann in diesen Schlangen nicht umhin, die ein, zwei oder auch zehn vor mir stehenden Leute sehr genau zu mustern. Und das ist meistens kein Augenschmaus.
Klar, es kommt vor, dass da süße Mädels mit Ramones-Shirts stehen und das Beobachten macht Spaß. Aber gerade in diesem Discounter trifft man doch eher die völlig kaputten Typen, die nie einen Großeinkauf machen, sondern jeden Tag aufs Neue in den Laden rennen.
So auch letztens. Ha, ha, ich kriege doch noch die Kurve! Jaaaa… habt ihr nicht gedacht, dass dieses Geschwafel noch auf irgendwas hinaus läuft, das mit Genesis zu tun hat, was?

Also, …als ich da an der Kasse im Discounter stehe und die Leute vor mir ansehe aber nicht wahrzunehmen versuche, spielen sie über den Supermarkt-Dudelfunk gerade „Throwing it all away“ von Genesis.
Und der Typ vor mir sagt „Fuck!“.
Das Wort kommt aus seinem Mund herausgebrodelt wie Erbrochenes.
Dann verwendet er eine der Bierflaschen, die er gleich aufs Band stellen will, um eine andere zu öffnen, und nimmt einen tiefen Schluck. Selbstverständlich handelt es sich um das Billigbier des Marktes und selbstverständlich schäumt es nach dem ersten Schluck über den Rand und sabbert auf die Hand des Trinkers und den Boden.
Ein bisschen peinlich berührt kann ich meinen Blick von dem Typen trotzdem nicht lassen. Er hat etwas verknitterte Klamotten an, mag vielleicht 20 Jahre alt sein. Seine Haare sind kurz geschoren und in einem Ohrläppchen stecken mehrere Ohrringe. Sein Gesicht sieht weder besonders hässlich noch besonders schön aus, aber er wirkt abwesend. Als die Schlange langsam vorwärts kommt, hampelt er beim Gehen mit den Armen, als hätte er eine Nervenkrankheit. Ich vermute, dass er Drogen nimmt.
Endlich vorne angekommen, weist die Verkäuferin ihn zurecht, dass er das Bier nicht vor dem Bezahlen öffnen darf. Er sagt nichts dazu, sondern schiebt sich die anderen Flaschen in die zahlreichen Taschen seiner weiten Hose und geht zappelnd von dannen.

Später am Tag sitze ich mit einem Kumpel beim Dönermann und im Radio läuft „Invisible touch“. Der Kumpel verzieht das Gesicht und erklärt mir, dass Phil Collins echt das Allerletzte sei.
Ich kläre ihn darüber auf, dass wir Genesis hören. Er plädiert sofort für die alten Songs mit Peter Gabriel am Gesang, von denen er vermutlich keinen einzigen kennt.

Ganz anders aber trotzdem ähnlich: tags darauf renne ich durch ein Kaufhaus und wieder ist der Dudelfunk an, nur hier etwas leiser als im Supermarkt. Und es läuft „Hold on my heart“ von… Genesis. Man kann ja kaum umhin, auch die Lyrics mitzukriegen: „Oh I will be there, yes I will be there,   be there for you, whenever you want me to, whenever you call I will be there, yes I will be there.“
Und ich denke noch: meine Güte, bist Du aber ein verlässlicher, rechtschaffender Kerl! Toll, wie Du Dich anbietest, immer in der Not und auch sonst sofort zu Stelle sein willst… und plötzlich stolpere ich fast über ein Schild in meinem Weg, und da drauf steht: „Süße Offerten“.
Uups, denke ich. Passt ja eigentlich, aber hab ich mich hier nicht irgendwie in der Abteilung geirrt?
Meiner bisherigen Kenntnis nach versteht man unter einer „Offerte“ eine von zwei Sachen. Entweder eine (Wohnungs-)Annonce in der Zeitung. Da habe ich öfter mal auf „Offerten-Nr. soundso“ geantwortet. Oder (eindeutige) Angebote des anderen Geschlechts.
In altmodischer Sprache sagt man doch „er machte ihr Offerten“. Oder war’n das Avancen? Oder Komplimente?
So, also jetzt muss der Duden her. „Offerte“ – Angebot, Anerbieten, steht da.
Kann ein Wohnungsangebot sein, kann auch ein Liebesangebot sein. Und „süß“? Ja, was denn nun ein „süßes“ Angebot ist, ist immer noch etwas zweideutig. Ich kann’s nicht ändern: trotz aller Dudenrecherche und Einsicht stelle ich mir schokoladenverklebte Briefe auf Chiffre-Anzeigen oder Sex mit Handlungen wie „Abschlecken“ und „Lutschen“ vor.

„All she wants to rub is my face in the dirt“ – och, schade eigentlich! (Zitat aus „I can’t dance“ in der Liveversion)

Wir beenden damit diese Folge von „Anzüglichkeiten mit Genesis und Mumpitz im allgemeinen“.

Stay alive and rock on
Harvey

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