Genesis Top10 Longplayer

Genesis haben zwischen 1969 und 1997 insgesamt 15 Studioalben veröffentlicht. Schwierig dabei ist, dass drei verschiedene Sänger der Band ihre Stimme liehen. Zunächst dachte ich, ich würde eine eigene Hitliste für Peter Gabriel und eine für Phil Collins machen, doch das wären jeweils nur sechs bzw. acht Platten.
Also alles zusammen, allerdings dabei gleich eine Einschränkung: „Calling all stations“ von 1997 mit Ray Wilson am Gesang wird nicht berücksichtigt.
Begründung: auch wenn Ray Wilson sehr gut singt und die Scheibe gar nicht schlecht ist, handelt es sich mit nur zwei Kreativköpfen, die zudem auf ein „Erneuerung“ aus waren, nicht wirklich um die Band „Genesis“. Nichtmal Daryl Stuermer und Chester Thompson durften mitmachen! Da wäre es sinnvoller und ehrlicher gewesen, diese Scheibe unter anderem Namen – als neues Projekt von Tony Banks und Mike Rutherford – zu veröffentlichen.

Zu den Liveplatten werde ich an anderer Stelle etwas sagen, ebenso werde ich dort auch ein wenig über die beiden Boxen und weitere Raritäten anmerken. Mein Kommentar zu den letzten Remaster-Ausgaben erfolgt im Text jeder Rezension.

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1. Wind & wuthering (1976, 50:54)
Als ich diese wundervolle Platte 1988 erwarb, sah sie anders aus. Irgendein Penner – den man hoffentlich entlassen hat – verpasste den alten Genesis-Platten auf CD ein neues Cover.
Da war dann nur der Baum zu sehen, ganz in der Mitte, und rundrum noch der typische graue Rand mit orangener Schrift oben und unten. Bei mir war zusätzlich das Booklet fehlerhaft geschnitten, so dass der Schriftzug „Genesis“ oben abgeschnitten war und unten dafür noch zwei Millimeter unbedrucktes Papier dran waren. Voll daneben! Und auch ein ganz anderes Flair des Covers. Natürlich ist es so wie oben abgebildet viel schöner.

„Wind and wuthering“ war das letzte Album mit Steve Hackett. Danach kam nur noch die „Spot the pigeon“-EP und die Liveplatte „Seconds out“, und Hackett hatte die Band verlassen. Eine Begründung war, er hätte auf „Wind & wuthering“ nicht genügend von seinen Ideen unterbringen können. Ich finde nicht, dass man das hört. Hier sind viele Gitarren dabei, aber sehr oft akustische. Bei den Songwritercredits sieht’s so aus, dass die neun Songs sich auf die vier Leute wie folgt aufteilen: Collins 14%, Hackett 18%, Rutherford 23%, Banks 45%
Also, zur Hälfte eine Banks Platte.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich diese Scheibe so gerne mag: die vielen Pianos, die epischen, orchestralen Passagen und die ruhigen Abschnitte. So richtig wild Rockendes, wie z.B. „Musical box“ fällt hier nicht ins Ohr. Aber das war auch schon bei „A trick of the tail“ – der ersten Platte ohne Gabriel – so.
Bei genauem Hinhören gibt es aber doch Rockendes, das allerdings vielleicht ein wenig in der sanften Produktion und einer nicht so guten Differenzierbarkeit der Instrumente untergeht.

Zu einigen der Songs Genaueres: die bekanntesten sind die Ballade „Your own special way“ (Platz 43 in England), welche zwar nicht schlecht ist, aber aufgrund ihrer Einfachheit und des häufigen Hörens inzwischen mein am wenigsten geschätzter Song der Platte ist.
Weiterhin bekannt „Afterglow“, da oft live dargeboten. Ein sehr gutes Stück, das seine Magie nicht eingebüßt hat. Unvergleichlich, wie er singt „I must find a new home…“.
Mein persönlicher Favorit ist „One for the vine“, dicht gefolgt von „Eleventh earl of mar“, zugleich die beiden längsten Songs (10 und 7 Minuten).
„Wot gorilla“ ist ein abgefahrenes Instrumentalstück, das vielleicht etwas zu wenig beachtet ist.
Insgesamt eine sehr atmosphärische Platte.

Dass ich heute diese Platte noch so grandios finde und dass sie für mich eine der besten von Genesis überhaupt ist, liegt auch daran, dass ich als Jugendlicher mit dieser Musik groß geworden bin. Auch wenn in den 80er poppigere Klänge zum Markenzeichen von Genesis wurden, habe ich zusätzlich ganz viel „A trick of the tail“, „Wind & wuthering“ und „…and then there were three“ gehört.

Heute weht mir ein Hauch des damaligen Lebensgefühls durch den Kopf: ich habe einen Großteil meiner Zeit in anderen Welten verbracht. Zum Beispiel lesend: damals bin ich selbst neben Frodo und Sam zum Mount Doom gelaufen. Und obwohl das kein Zuckerschlecken war, wusste ich doch immer, dass die beiden ihren Auftrag erledigen würden. Ich glaubte daran, dass sie glücklich und zufrieden weiterleben könnten und das Refugium Auenland wieder aufgebaut würde und dort weiterhin Freude, Freundlichkeit und Gemütlichkeit herrschen würden.
Und ebenso wie Sam sich nie gefragt hat: „Ist das hier eigentlich das Richtige für mich?“, als er sich durch die Schlackehalden kämpfte, so war ich auch als Jugendlicher fest davon überzeugt, es würde sich schon alles finden und mein Weg durch ein erfülltes Leben bräuchte bloß beschritten zu werden.

Schöne Phantasien und eine romatische Musik. Symphonisch, mit vielen klassischen Elementen und immer wieder neu zu entdeckenden Nuancen. Gerade auch das 2007er Remaster hat hier noch einiges freigelegt und die DVD dazu ist auch empfehlenswert.
Übrigens auch Tony Banks‚ Lieblingsplatte. Und ich weiß, ja, er war ein bisschen störrisch und hat Peter Gabriel und Steve Hackett das Leben schwer gemacht, trotzdem hat er die besten Lieder geschrieben und hätte sich auch in späteren Jahren ruhig ein wenig mehr durchsetzen können.

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2. Selling England by the pound (1973, 53:39)
Mit solchen Covern könnte man heute wohl auch nichts mehr reißen! In die Tradition der Genesis-Cover und zu den Texten der Platte passt es jedoch ganz gut.

Wie der Titel schon andeutet, sind die Texte sehr „englisch“. Und die Platte klingt softer, vielleicht poppiger, sicher aber besser produziert als die Vorgänger. Mit dabei ist auch der erste Erfolg der Band in den Single-Charts, nämlich „I know what I like“. Meiner Meinung nach das schwächste Lied des Albums und bei häufigem Hören an der Grenze zur Nervigkeit.

Die beiden Oberhammer sind „Firth of fifth“ und „The cinema show“. Episch, romantisch, lyrisch und mit hervorragenden Instrumentalpassagen.
Nicht schlecht aber nicht so herausragend sind die kurzen Stücke „More fool me“, „After the ordeal“ und „Aisle of plenty“. Vielleicht aber erwähnenswert, dass bei „More fool me“ zum zweiten Mal in der Genesis-Geschichte Phil Collins den Leadgesang übernimmt.
Dann sind da noch „Dancing with the moonlit knight“ und „(The) Battle of Epping forest“. Beides hervorragende Songs, die etwas aggressiver daher kommen als die anderen und auch ein wenig progressiver, d.h. komplexer im Aufbau und von den Instrumenten her. Aber, hier muss ich den Aussagen der Bandmitglieder auf der Remaster-DVD zustimmen, beide Stücke (und „Epping forest“ besonders) sind etwas überladen, insbesondere mit Gesang. Peter Gabriel gelingt es kaum, in der nicht eben kurzen Spielzeit von acht bzw. elf Minuten, die ganze Story an den Hörer zu bringen.

„Selling England by the pound“ ist für mich DIE Scheibe der Gabriel-Jahre und dies aus zwei Gründen.
Erstens, natürlich, ist sie hervorragend und sicher das zugänglichste und zugleich rundeste Werk dieser Zeit. Das zeigt sich auch darin, dass einige Songs noch lange im Liverepertoire der Band verweilten.
Zweitens war sie lange Zeit über meine absolute Lieblingsplatte der frühen Jahre (bis 1975). Ich konnte nämlich zunächst nicht viel mit „Lamb“ anfangen, fand „Nursery cryme“ schlecht (unfassbar!) und „Foxtrot“ als gesamtes etwas schwierig (auch wenn „Supper’s ready“ ein Favorit war). Und deswegen ergab es sich, dass ich „Selling England“ in meiner Jugend besonders häufig gehört habe und immer noch eine „liebevolle“ Beziehung zu ihr habe.

Historisch eingeordnet handelt es sich eindeutig um einen DER Progressive Rock Klassiker der 70er. Wenn man „Selling“ nicht kennt, hat man keine Ahnung von dieser Stilrichtung. Ich empfehle dazu übrigens die Remaster-Version von 2008, denn der Sound hat sich spürbar verbessert, mehr Details sind hörbar und der Mix ist teilweise ein klein wenig anders, ohne dabei Stimmung oder Erlebnis der Musik gegenüber der alten Version zu verändern.

Wenn ich heute daran denke, dass wir als 16/17jährige am Wochenende vor der Disko (oder dem Schützenfest oder was auch immer) diese Musik gehört haben, dann wird mir erst richtig klar, dass wir doch nerdige, unmodische Freaks waren!

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3. Foxtrot (1972, 51:08)
Ach ja, so viele Erinnerungen verbinde ich mit dieser Platte und zugleich finde ich sie noch jedes Mal, wenn ich sie heute höre, unglaublich genial!
Kein einziger mittelmäßiger Song ist dabei, nur Hämmer!
„Watcher of the skies“ macht als Intro direkt mal klar, dass es hier rockig und vertrackt zugleich losgeht. Vielleicht aufgrund des hohen Liveeinsatzes etwas abgenudelt und thematisch eine Angriffsfläche (Aliens beeinflussen das Leben auf der Erde), aber trotzdem super!
„Time table“ ist sicher unterschätzt, wurde wenig live gespielt und überzeugt mich trotzdem mit seiner romatischen Renaissance-Stimmung. Auch der Text ist ein „Gedicht“.
„Get ‚em out by friday“ hat mir zunächst schon immer wegen seines ironischen und politischen Textes gefallen. Aber auch die Musik ist klasse.
„Can – utility and the coastliners“ ist auch so ein Song, der zu wenig beachtet wurde. Mit düsterer Stimmung zu Beginn fühlt er sich an wie eine griechische Heldensage, ein monumentaler Sandalenfilm in Akustik. Abwechslungsreich und trotzdem eingängig, gut!
„Horizons“könnte man vielleicht als „den“ Hackett-Song von Genesis bezeichnen, auch wenn der Steve an vielen anderen ebenfalls beteiligt war bzw. fast alle alten Sachen ohne ihn nicht das wären was sie sind. Aber „Horizons“ ist ein Song, den er schon immer auch sehr gerne solo vorgetragen hat.
Während Anthony Phillips und Mike Rutherford zusammen eher Akkorde  spielten und im weiteren Sinne Popsongs schrieben, machte der Hackett immer gerne mal einen technisch anspruchsvollen, exzentrischen Akustik- oder auch Elektrikpart alleine.
„Horizons“ ist ein ruhiges, sanftes Stück, das sich um ein Thema, welches sofort ins Ohr geht, aufbaut.
„Supper’s ready“ dagegen war schon Ende der 80er ein großer Favorit im Freundeskreis. Da konnte man trotz vorheriger Diskussion auch mal minutenlange Stille wahrnehmen, weil alle bei dem Songs konzentriert am Mitrocken und innerlich am Abgehen waren. Noch eher kam es aber dazu, dass gemeinsam an bestimmten Stellen mitgesungen wurde. Sehr beliebt der zweite Teil ab „You, can’t you see he’s fooled you all.“ Und natürlich ein gemeinschaftliches „A flower?“
Sehr schön auch wenn ein Kumpel mit Fistelstimme „Mum diddley washing, Mum diddley washing“ mitsang! Ich meine, stellt euch vor, der Kerl ist ca. zwei Meter groß und kräftig, könnte durchaus einen ordentlichen Türstehen abgeben. Und dann singt der im „no balls“-Timbre verzückt die obigen Zeilen mit!
Dieser Song ist dermaßen angefüllt mit Wortspielen, Metaphern, englischem Humor usw. dass man einfach gar nicht alles vollständig verstehen kann. Ansonsten brauchten Genesis nach diesem Stück eigentlich keine langen Songs mehr zu schreiben. Denn was Komplexität und Abwechslungsreichtum angeht, ist „Suppers ready“ eindeutig das Meisterstück. Und wenn mir da moderne Progbands mit 20-50minütigen Songs kommen, dann reicht das alles nicht an dieses hier heran.  Ich bin sowieso seit diesem Song der Meinung, mehr als 25 Minuten sind auf keinen Fall nötig um eine (auch musikalisch) spannende Geschichte zu erzählen.

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4. The lamb lies down on broadway (1974, 94:22)
Großes Kino! Lange Zeit war dieses Album für mich ein Mysterium, ich fand es sperrig und auch wieder zu unsperrig, weil es gar keine echten Longtracks enthält. Nach dem Genuss der hervorragenden Remaster-Version und dem mehrfachen Studium des enthaltenen Interviews und aller anderen Quellen, gewinnt „The lamb lies down on bradway“ aber immer mehr.
Ok, eine seltsame Zweiteilung innerhalb der Band war entstanden: Peter Gabriel schrieb nahezu alleine die Lyrics und die restlichen Bandmitglieder schrieben nahezu alleine die Songs. Trotzdem sind in den Stücken Einflüsse von Weltmusik und sehr viel Experimentelles zu hören. Banks‚ Klavier kommt vor, hat aber insgesamt eher weniger zu sagen. Hackett’s Gitarre ebenso. Trotzdem ist die Stimmung unglaublich dicht und die vertrackte Geschichte wird zwar nicht klar, reißt aber trotzdem mit.
Ich empfehle, sich einen Kinofilmlänge Zeit zu nehmen und das ganze Teil auf Kopfhörer am Stück zu hören. Grandios!

Das erste und einzige Konzeptalbum von Genesis und ein Paukenschlag an Innovation und Atmosphäre! Eigentlich die einzige Platte der Band aus den 70ern, die heute nicht veraltet klingt und in ähnlicher Form jetzt und hier erscheinen könnte!

Davon abgesehen sind „The lamb“, „Counting out time“, „Carpet crawlers“ und „Lilywhite Lilith“ exzellente Pop-Songs und der old-school-70s Prog ist bei „In the cage“,  „The lamia“ (+f.f.) und „IT.“ zuhause.
Interessant auch, dass Peter Gabriel auf der Tour kurze Haare hatte und eine Lederjacke trug, mit der er dem Prototyp des 76er Punks zum Verwechseln ähnlich sah (obwohl es ja erst 74/75 war).

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5. Nursery cryme (1971, 39:29)
Die erste Genesis-Platte mit Phil Collins und auch die erste mit Steve Hackett! Enthalten ist das ruhige „For Absent Friends“, der erste Song bei dem Collins den Gesang alleine übernahm.
Dann gibt’s mit „The return of the giant hogweed“ einen  sehr abgefahrenen Song, der sich mir erst nach Jahren erschlossen hat. Diese wilde Story über mörderisches Unkraut verbunden mit experimentellen Sounds musste ich mir erst mehrfach als Liveauftritt („Rock of the 70s“, auf 3Sat Ende der 80er ausgestrahlt) ansehen, bevor ich die Genialität nachvollziehen konnte.
Was man da auch sehen kann: Genesis sind (anno ’72) eine richtig coole Hippie-Band! Alle haben lange Haare, die Koteletten sind üppig und auch wenn Phil Collins schon jetzt die Geheimratsecken über den Kopf wachsen, ist Peter Gabriel mit seiner wilden Mähne und den kajalumrandeten Augen auf jeden Fall ein Mädchen-Magnet.
„Seven stones“ und „Harlequin“ sind mysteriöse, proggige Songs, die leider immer etwas untergegangen sind. Gerade ersterer wurde damals wohl häufig live gespielt, allerdings traten Genesis erst 1971 (einige Monate vor Veröffentlichung dieser Platte) erstmals außerhalb der britischen Inseln auf.
Bleiben noch „Harold the barrel“, das eher ein Scherz ist und der erste Song der Platte, „The musical box“. Letzteres wurde bereits in der Zeit ohne Gitarrist geschrieben und live gespielt und dennoch drückt Steve Hackett ihm seinen Stempel auf.
Aber mal im Einzelnen: das Tolle an dem Stück „Musical box“ ist vor allem der Widerstreit von ruhigen, sehr harmonischen Passagen und absolut wildem Abgerocke. In den ruhigen Momenten brilliert zum Beispiel Tony Banks mit sanftem Klavier, begleitet von Gabriels Flöte und einem ruhigen aber deutlichen Bass. In den rockenden Momenten trommelt Collins wie ein Berserker, Banks orgelt sich die Finger wund und über allem thront das irrsinnige Gitarrenspiel von Steve Hackett. An einigen Stellen wird der Song geradezu zersägt: voller Verzerrer, sehr schnelles Spiel und schräge, teils dissonante Tonfolgen.
Und wenn man die Leute dazu dann sieht: Hackett macht den Hendrix aber sitzt die ganze Zeit völlig ruhig auf einem Hocker! Boah, falls der etwas mehr Showtalent gehabt hätte, hätte er ein guter Gegenpart zum Frontmann sein können. Banks ist auch kein Emerson, er sieht eher aus wie das was er fast machen wollte: Physik studieren. Aber Phil Collins im ärmellosen Shirt ist ein echter Schwerstarbeiten am Schlagzeug. Und er beherrscht auch die ruhigeren Parts und sein Gesang setzt schon hier wichtige Akzente im Background. Die Gallionsfigur ist natürlich Gabriel, der exzentrisch und dennoch schüchtern am Mikrophon steht, mit dem Fuss auf die Bassdrum einhämmert und mit den Händen das Tambourin bearbeitet. Dabei fliegen die langen Haare hin und her und man fühlt sich erinnert an Woodstock, obwohl das schon einige Jahre her ist. Einfach nur groß!

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6. …and then there were three (1978, 53:27)
Anfang 1975 hatte sich Peter Gabriel von Genesis verabschiedet und Ende 1977 dann auch noch Gitarrist Steve Hackett
…und da waren es nur noch drei!
Trotzdem ließen sie sich nicht beirren und machten weiter.
Und der kommerzielle Erfolg gab ihnen recht – könnte man sagen.
Diese hier vorgestellte Platte warf mit „Follow you follow me“ den ersten Top 10-Hit für Genesis ab und dies war auch zugleich ihre erste dreiminütige Ballade.
Ich sage extra „dreiminütige“, denn auf dem Vorgänger „Wind and wuthering“ befand sich mit „Your own special way“ auch eine Art Ballade, die aber sechs Minuten lang war.
„And then there were three“ bietet gleich sieben (von elf) Songs im drei- oder Vierminutenbereich. Dazu nur einen Song deutlich über sechs Minuten.
Dies klingt alles nach ungünstigen „Kennzahlen“ und dem kann ich eigentlich zustimmen. Diese Platte lässt den Songs wenig Raum sich zu entwickeln, sie verzichtet weitgehend auf akustische Elemente (Hackett fehlt) und nicht nur „Follow you follow me“ tendiert vom Gesamteindruck her in Richtung Ballade, da finden sich durchaus noch drei bis fünf weitere Stücke.
Ach, und dennoch: eine meiner absoluten Lieblingsplatten!
Wenn „Wind und wuthering“ den Abschluss einer Ära darstellte, indem Hackett ging und der Pop im folgenden Einzug hielt, so ist „And then there were three“ wenigstens sehr deutlich als Übergangswerk zu erkennen. Auch die Liebeslieder hauen einem noch nicht so ganz brutal schnulzig den Honig um die Ohren wie zum Beispiel einige Songs auf „Duke“.
Weiterhin: ich finde, trotz der Kürze der Stücke stellt jedes für sich ein Kleinod dar. Wenn man bei späteren Platten immer einen besonders langen Song (bzw. zwei zusammenhängende) findet, so merkt man hier mehreren (!) Stücken an, dass sie ebenfalls das Potenzial dazu gehabt hätten.
Natürlich ist es schade, dass diese Lieder nicht weiter ausgebaut wurden und die Bandmitglieder bereuten dies auch später. Trotzdem hat man es mit hochwertigen Songs melodiöser Rockmusik zu tun und eine Prise Prog ist da auch noch raushörbar. Live-Aufnahmen aus der Zeit lassen dann erkennen: auf der Bühne wurden die Songs komplexer. Sie wurden zwar nicht zu Monstren, aber man gab ihnen ein, zwei Minuten mehr und ließ dazu noch einen deutlichen Schuss Spielfreude mit einfließen. Schon klangen sie entspannter aber auch spannender.

Schaut man sich einmal die Songwriter-Credits an, so kann man die 11 Songs den drei Musikern wie folgt zuschreiben: Collins 1,5 / Rutherford 4 / Banks 5,5.
Das hört man auch: die Stücke werden von Keyboards und Bass geprägt. Natürlich ist auch das Schlagzeug gut gespielt und Gitarren gibt es auch zu hören. Aber ich meine, ohne die Keyboards wäre das Ganze wirklich nichts! Neu ist dagegeben der sehr prägnante, schnelle Bassrhythmus, der die nächsten Veröffentlichungen auch noch kennzeichnen würde.
Die Texte dieser Platte sind bis auf wenige Ausnahmen sehr phantasievolle kleine Geschichten. Teils aus dem Alltag, teils aus anderen Welten aber immer schön erzählt ohne plumpe Reime oder nervige Refrains. Das ist sicher auch ein großer Pluspunkt für diese Platte und zeigt die Verbindung zu den vorherigen Werken.
Dass „And then there were three“ nun hier ziemlich weit oben steht, verdankt die Scheibe zusätzlich der Tatsache, dass sie eine meiner ersten Vinyl-LPs überhaupt war. Ja, verdammte Kacke, ich finde doch immer noch diejenigen Platten besonders toll, die ich auch besonders lange besitze!
Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie viel, viel öfter gehört wurden als Neuanschaffungen aus den letzten Jahren. Denn: auch wenn ich diese alten LPs und CDs nicht mehr sehr häufig reintue, so habe ich sie am Anfang wesentlich mehr gehört, als ich es jetzt  mit neuen CDs mache. Warum? Klar, damals war die Auswahl geringer. Und jeder Neukauf war etwas Besonderes! Da kam es durchaus mal vor, dass ich eine neue CD gleich viermal am Tag gehört habe!

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7. A trick of the tail (1976, 51:11)
Die Platte nach dem Ausstieg von Peter Gabriel. Die Songs waren schon weitgehend fertig, als immer noch kein neuer Sänger gefunden war und Phil Collins aushilfsweise den Gesang übernahm – zunächst in der Annahme, dass bis zur Tour ein neues Bandmitglied dabei sei und er wieder hinter seinen Drums verschwinden könne. So kann’s kommen. Später war er dann einer der erfolgreichsten Solokünstler der 80er. Ohne den ungeplanten Schritt ins Rampenlicht bei Genesis hätte sich das vielleicht auch nicht so entwickelt.

„A trick of the tail“ ist eine in weiten Teilen sanfte Platte, die die wilden Soundexperimente von „The lamb lies down on broadway“ meidet und die Entwicklung von „Selling England by the pound“ fortführt. Kaum ein Song stellt einen der Instrumentalisten besonders in der Vordergrund, gegenüber früher sind erstaunlich wenig Keyboardsolos dabei und auch die Gitarre agiert meistens akustisch oder zurückhaltend. Dazu gesellen sich die märchenhaften aber belanglosen Lyrics.
Trotzdem machen Genesis hier alles richtig. Denn wenn schon ein neuer Sänger am Start ist, muss man nicht gleich noch die Musik großartig ändern. Und mit „Squonk“ und „Los endos“ sind auch sehr starke Livestücke vertreten. Auch die anderen Lieder, etwa das ruhige „Entangled“ oder „Ripples“, reihen sich nahtlos in eine Setlist der 1975 beliebtesten Genesis-Songs ein. Und dazu kommt, dass Phil Collins‚ Gesang erstaunlich ähnlich zu dem von Peter Gabriel ist. Erst später ist mir aufgefallen, dass dieser Eindruck auch daher kommt, dass beide bei vielen Songs vorher zusammen gesungen haben, mit Gabriel im Vordergrund und Collins im Hintergrund. An etwas heftigeren, energiegeladenen Gesang traut Collins sich hier noch nicht so richtig ran, auch im Rückblick muss man sagen, dass ihm allgemein die softeren Töne eher liegen. Dennoch zeigten die Tour und auch die Liveaufnahmen („Seconds out“ sowie „Fountain of salmacis“ von „Three sides live“), dass er auch das aggressivere Material gut rüberbringt.
Ich mag „A trick of the tail“ vor allem wegen der verträumten Stimmung und den epischen, aber nicht so komplizierten Songs wie „Mad man moon“. Alle anderen Songs sind ebenfalls gut und gerade „Los endos“ gefällt durch seine wilde Rhythmik.

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8. Trespass (1970, 42:56)
Diese Platte ist ein verkanntes Juwel. Zum einen illustriert sie den Übergang von kurzen, poppigen Songs (wie auf dem Debut „From Genesis to revelation“) zum eigentlichen Progressive Rock (wie auf „Nursery cryme“). Außerdem ist sie tief im britischen Folk verwurzelt und präsentiert wie keine andere Genesis-Scheibe das Zusammenspiel mehrerer Akustikgitarren (meistens Mike Rutherford und Anthony Phillips).
Natürlich kann man die etwas lasche Produktion kritisieren und die relativ schlechte Aufnahmequalität und ebenso fällt auf, dass der Drummer nur Mittelmaß ist. Die meisten Songs sind recht ruhig und richtig Energie entwickelt nur „The knife“, das auch jahrelang den Abschluss der Livekonzerte bildete.

Teile von „Stagnation“ wurden auch noch in den 90ern ins „Old medley“ eingebaut. „Looking for someone“ und „White mountain“ sind epische, interessant aufgebaute Songs, die Geschichten erzählen. Demgegenüber fallen „Visions of angels“ und „Dusk“ vielleicht etwas ab, weil sie einfacher gehalten sind. Trotzdem sind auch hier die Lyrics außergewöhnlich. Das gilt übrigens auch für das oft verschmähte Debutalbum: Gesang und Texte sind dort nicht nur ungewöhnlich sondern auch hervorragend. Schon allein deswegen – und natürlich um die Entwicklung der Band nachvollziehen zu können – ist auch diese Scheibe für den Fan unverzichtbar.

Als ich Genesis kennen lernte, war dies zunächst über die Hits der Collins-Phase. „Seconds out“ war mein erster Zugang zu älteren Songs, die mir in dieser Liveversion sehr gut gefielen. Als dann im Freundeskreis das Wagnis, in die Gabriel-Ära reinzuhören, aufgenommen wurde, waren wir schnell davon überzeugt, dass „Nursery cryme“ und die beiden Platten davor keine Anschaffung wert wären. Und lange Jahre blieb ich bei dieser Meinung, ohne die Platten jemals gehört zu haben. Und als ich sie dann mehr der Vollständigkeit halber doch kaufte, war ich überrascht, welche tollen Songs ich verpasst hatte. Gerade „Trespass“ hat ein eigenes Flair und erwähnen sollte man auch, dass die Platte vom Remastering deutlich gewinnt.

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9. Duke (1980, 55:06)
Mit „Duke“ wurden Genesis auf einmal hip. Auf „…and then there were three“ war nur ein kleinerer Radiohit, bei „Duke“ ging’s mit dem immer noch kleinen Hit „Misunderstanding“ weiter, aber trotzdem waren Genesis bereits im Mainstream angekommen.

Trotzdem ist dies die letzte Platte, auf der die Prog-Roots noch gut erkennbar sind. Zum einen gibt es zwei Instrumentalstücke, darunter auch der längste Song „Duke’s travels“, und zum anderen handelt es sich fast um ein Konzeptalbum. Sowohl der Sound als auch der an einigen Stellen fließende Übergang von einem Song zum nächsten sorgen für ein sehr rundes Gesamtbild. Man kann die Platte sehr gut am Stück hören und mehrere Songs haben auch von den Texten her miteinander zu tun. Das ist kein zufall, denn ursprünglich waren sechs der 12 Stücke zusammen ein fast 30minütiger Longtrack. Dass der dann in dieser Form nicht auf der Platte landete, sondern nur live gespielt wurde, zeigt die kommerziellere Ausrichtung der Band und eine leichte Angst, in der Vergangenheit hängen zu bleiben.

„Duke“ ist eine der CDs, die ich überhaupt von allen meinen CDs am häufigsten gehört habe. Das liegt vor allem daran, dass es eine meiner ersten CDs überhaupt war. Wenn ich heute versuche, „Duke“ objektiv zu beurteilen, dann fällt mir einiges auf, das ich nicht so gut finde:
Keyboards, die in Refrains losfiepen wie nachgemachte Bläser; Drumcomputer; heftig poppige Songs wie „Man of our times“ und „Turn it on again“; eine 80er-Jahre Produktion.

Dennoch sind ganz nüchtern betrachtet immer noch viele Gitarren- und Bassparts sowie die meisten Schlagzeuge sehr gut. Auch die epischeren Keyboards und die Stimmung einiger Songs gefallen. Die graphische Gestaltung des Covers und der Textbeilage finde ich sehr gut. Und was die Songs im Einzelnen angeht, so ist natürlich „Misunderstanding“ ein bisschen flach und „Please don’t ask“ auch schnell als Überbleibsel von Phil Collins‚ Soloalbum „Face value“ zu erkennen (auch wenn es erst danach erschien, war es schon fertig).
Trotzdem haben die meisten Songs ein gewisses Etwas und die Mischung, also wieder das Gesamtbild, macht’s.

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10. Invisible touch (1986, 45:42)
Mir fällt gerade zu der Musik von „Invisible touch“ eine Story, „die das Leben schrieb“ ein, die aber wohl ein bisschen lang ist, um sie hier unterzubringen. Daher separat und mit Link.

„Invisible touch“ war eine meiner ersten LPs und ich fand sie damals ausgesprochen toll. Ich habe sie immer als komplettes Album gehört und von den Einzelsong hätte ich höchstens „Land of confusion“ hervorgehoben. Dazu gab es erstens ein sehr witziges Video und zweitens eine Maxi-CD, auf der zwei zusätzliche (und recht gute) Songs sind.
Die Differenzierung in weitere Lieder hat sich bei mir erst später ergeben. Auch ich finde inzwischen, dass „Invisible touch“ und „Throwing it all away“ die schlechtesten Songs der Platte sind. Ich kann gut auf sie verzichten.
„Anything she does“ finde ich auch nicht so gut, dieses pseudo-karibische (oder was das sein soll) nervt mich doch.
Von den zwei bekanntesten Songs des Rests – „Land of confusion“ und „In too deep“ – kann ich nichts Schlechtes sagen. Die gefallen mir als Popsongs noch immer gut. Die Höhepunkte der Platte sind aber eindeutig „Tonight, tonight, tonight“, „Domino“ und „The brazilian“. Drei progressiv angehauchte Lieder, die deutlich machen, dass Tony Banks noch immer gute Ideen hatte.
Und diese Stücke sind für mich auch die Klammer, die alles zusammen hält und die das Album zu einem spannenden Gesamtwerk macht, das stimmungsvoll ist und mich auch weiterhin mitreißt. Und das natürlich auch weil die Songs zusammen 24:37min lang sind und damit 54% der Spielzeit der CD ausmachen.

Das waren sie, die Top 10!
Fragt man sich, was mit „From Genesis to revelation“, „Abacab“, „Mama“ und „We can’t dance“ ist.
Ich finde sie alle gut. Aber auf jeder sind schwache Songs und die atmosphärische Dichte ist bei allen vieren nicht so hoch. Natürlich klingen sie jeweils vom Sound her aus einem Guss, aber auf der ersten sind zu viele Streicher, auf „Abacab“ zu viele Bläser, „Mama“ ist zu steril und die letzte ist zu lang und weilig.

Stay alive and rock on
Harvey

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5 thoughts on “Genesis Top10 Longplayer

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