Ramones: Loco live (Rerelease) & Top5 Liveplatten

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Ramones: Loco live (1991/2012, 2-CD, 76:35)

Dokumentiert ist hier ein Konzert der Tour nach „Brain drain“, also kurz nach dem Einstieg von C.J. Ramone und ohne Dee Dee.

Captain Oi! füllt damit eine Lücke, nachdem bereits alle nachfolgenden Studioplatten und „Brain drain“ von den englischen Reissue-Expertten neu herausgebracht wurden.
Und natürlich hat diese neue Ausgabe auch einen kleinen Bonus zu bieten: erstmals findet man alle 37 Songs des Konzerts beisammen. Wie mir auch erst vor ein paar Jahren klar wurde, ist „Loco live“ nämlich in Europa und den USA mit unterschiedlicher Tracklist erschienen. Vier Songs wurden ausgetauscht, der Grund ist mir unbekannt.
Jetzt also endlich alles beisammen und dazu noch in einer nett anzusehenden Pappbox, die jedoch zum größten Teil leer ist, wenn man erstmal den dicken Captain Oi! Katalog entfernt hat. Die Linernotes von Monte Melnick sind allerdings neu, verraten aber keine weltbewegenden Neuigkeiten. Ärgerlich finde ich hingegen, dass das Konzert auf zwei CDs verteilt wurde. Wie die oben angegebene Spielzeit verdeutlicht, hätte es auf einen Silberling gepasst. Ich kann nur vermuten, dass Captain  Oi! den relativ hohen Preis von ca. 17 EUR mit dieser Methode plausibel erscheinen lassen möchte. Ich hingegen würde gerne alles am Stück hören und nicht die CD zwischendurch wechseln.

Gerade deswegen komme ich auch zu dem Schluss dass sich die Neuanschaffung – so man denn schon eine der beiden ursprünglichen Ausgaben besitzt – nicht wirklich lohnt. Klar, man kann sich selbst alles zusammen auf eine CD brennen. Aber ebensogut kann man auch die andere (alte) Version für maximal 10.- kaufen und hat dann alle Songs.

Von diesen Kommentaren unabhängig ist natürlich meine Meinung zu der Live-CD ansich, die dann für alle drei Ausgaben gilt:

Wer die Ramones selbst nicht mehr live erleben konnte, wird nicht nachvollziehen können, warum sich die Fans vor Euphorie überschlagen, wenn sie davon erzählen. Eine Live-CD der Ramones müsste also möglichst gut diese Stimmung konservieren.  Die kommt auf „Loco live“ natürlich nur zum Teil rüber. Geht eben auf CD nicht hundertprozentig (wie Harald Schmidt vor langer Zeit mal sagte: „Die Titten von Ornella Muti kommen im Film auch besser als im Buch.“).
Trotzdem springt ein Teil des Funkens über. Das geniale „The good, the bad, the ugly“-Intro und dann wird durch die Songs gefetzt was das Zeug hält.
Alle Hits vorhanden, jede Punkparty ist bestens bedient. Aber nicht nur das, dieses Teil macht unheimlich Laune. Der ideale private Anheizer, bevor man zur Fete fährt und wenn man sonst mal ´ne Runde Headbangen will.

C.Jay erledigt seinen Job ausgezeichnet, ich möchte ihm hiermit auch noch einmal persönlich zu der Entscheidung gratulieren, die Army zu verlassen, genauer gesagt Fahnenflucht zu begehen und sich lange Haare zuzulegen. Das sollten viel mehr Menschen tun.

„Loco live“ zeigt, dass trotz mäßiger Studioalben in den 80er auf der Bühne bei den Ramones alles in Ordnung war. Zwar wurde auch hier hinterher im Studio nachgebessert, aber immerhin klingen die Songs anders als auf Platte und dank lautem Publikum im Hintergrund fühlt man sich fast live dabei. Der Sound ist gut und Joey vergisst fast nie den Text.

Wenn ich die Entwicklung der Ramones in Phasen einteile, würde ich die ersten drei Alben (bis „Rocket to russia“) als frühe Phase, die nächsten drei (bis „Pleasant dreams“) als Mitte Nummer eins, „Subterranean jungle“ bis „Halfway to sanity“ als Mitte Nummer zwei und die letzten drei Studioalben als Spätphase bezeichnen. „Brain drain“ und eben auch „Loco live“ liegen genau an der Schnittstelle zwischen der zweiten Mitte und der Spätphase.
Das passt auch, sowohl was die Songauswahl angeht als auch die Art wie die Stücke gespielt werden.
Welche Live-CDs die anderen Phasen gut wieder geben und auf was man verzichten kann, stelle ich im Folgenden vor. Ganz grundsätzlich gilt: die Liveplatten, die noch zu Lebzeiten der Band (bis 1996) erschienen sind, sind die besten.

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Ramones Live-Top5

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1. It’s alive (1979, 53:49)
Hier finden wir ein Konzert vom 31.12.1977, also nach der dritten Platte, gemäß meiner Bezeichnungen oben: Frühphase. Erschienen ist die Platte erst nach dem vierten Longplayer, zu hören ist aber noch Urmitglied Tommy am Schlagzeug.

Als ich mir diese Platte kaufte, gab es sie noch nicht auf CD. Und ich habe sie nie so besonders häufig gehört. Denn: der allgemeine Unmut, der sich beim häufigen Plattenumdrehen einstellt, findet hier seinen Höhepunkt: alle 13,5 Minuten zur Anlage rennen!! Das ist gut für die Qualität der Rillen, aber da kann man ja geleich eine Maxi auflegen!
Meine Vinyl-Ausgabe habe ich noch immer (und die CD inzwischen auch). Sie sieht wie neu aus, von einer sauberen, glatten Plastikhülle geschützt. Ein kleiner Preisaufkleber ist auch noch drauf: 21,95 DM Saturn-Hansa. Dafür kann man eine Doppel-LP ja schonmal mitnehmen

Was ist der Unterschied zu „Loco live“?
Erstens: keine neueren Songs.
Zweitens: das Cover sieht ganz anders aus.
Drittens: Zwei andere Musikanten. Hey, meine geschulten Ohren hören da voll den Unterschied!
Viertens: die Haare der Leute sind etwas kürzer.
Fünftens: der Mitsing-Faktor ist etwas höher – „Glad to see ya go, go, go, go, goodbye…“
Sechstens: der Strichcode ist ganz anders. Daran sieht man auch, dass meine LP keine Orginalpressung ist, was auch etwas seltsam wäre (so alt bin ich dann auch noch nicht).

Ach, die beiden Live-Dinger unterscheiden sich schon ein wenig. Hier mehr ursprüngliche Atmosphäre, etwas schrubbeligerer Sound. Und die Songauswahl ist ein echtes best-of aus den frühen Alben. Ein Hit jagt den nächsten. Eben Ende 70er statt Anfang 90er. Aber im Prinzip… beides Party pur! Da steppt der Dachs, da bangt die Meersau!

Wer noch nix von den Ramones hat, sollte sich diese Livescheibe holen, viel besser als ’ne Studio-Compilation. Wer schon das meiste von den Ramones besitzt natürlich erst recht!!

(Auch bei dieser Aufnahme wurde im Studio nachgeholfen. Da ich das aber bis vor kurzem nicht wusste, hört sie sich für mich weiterhin so live wie irgend möglich an.)

2. Loco live (siehe oben)

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3. Greatest hits live (1996, 37:36)
Die Spätphase ist an der Reihe! Eins der letzten Konzerte der Ramones und auch noch in ihrer Heimat New York. Zwar gibt es vom allerletzten Konzert (mit diversen Stargästen) auch eine Aufnahme („We’re outta here!“), die aber durch mäßigen Sound und etwas geminderte Spielfreude besticht, also eher zu vermeiden ist.

Trotz des bekloppten Titels und nur mittelmäßigen Covers kann man „Greatest hits live“ uneingeschränkt empfehlen. Super Sound, gut aufgelegte Band, high speed-Versionen aller Songs und eben viele Stücke, die auf „Loco live“ noch nicht drauf sind.
Leider, leider sind es aber nur 16 Live-Songs, also bei weitem kein komplettes Konzert. Naja, kurz und knackig.
Am Ende gibt’s dann noch die beiden letzten von den Ramones veröffentlichten (neuen) Studio-Songs, die wohl noch rumlagen und hier einen Kaufanreiz bieten sollten. Es handelt sich um zwei Coverversionen „R.A.M.O.N.E.S.“ (Motörhead) und „Anyway you want it“ (Dave Clark Five). Beide sind auf der schon genannten CD vom allerletzten Konzert live zu hören, „Anyway you want it“ gibt’s aber meines Wissens nach außer auf „Weird tales of the Ramones“ nur hier in einer Studioversion.

Jedenfalls macht diese Aufnahme ebenfalls richtig Laune und es erstaunt mich immer wieder, dass die Band die Songs der letzten Studioplatten derart runterbrettert. Als Anhaltspunkt: hier entfallen im Schnitt 127 Sekunden auf jeden (Live-)Song. (Ja, die Zahl ist bei den anderen Liveaufnahmen ähnlich, man müsste sie noch zur Länge der Studioversionen ins Verhältnis setzen.)

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4. Leave home (special edition 2001)
Die Studioplatte ignoriere ich hier mal, es geht mir nur um die 16 Bonustracks, die von einem Konzert im August 1976 stammen und somit die früheste offizielle Liveaufnahme darstellen.
Und die Sache klingt dann noch rauher als „It’s alive“, sehr ähnlich zum Sound der ersten Studioplatte (die gerade erst veröffentlicht war). Trotzdem ist der Pop-Faktor hoch und die Songs werden nicht so schnell gespielt wie zum Beispiel bei der zuvor erwähnten Liveaufnahme. Trotzdem sind es nur 32min 55sec für die 16 Songs, das liegt aber auch daran, dass die meisten Lieder einfach sehr kurz sind.

Interessant zu hören sind hier auch die Liveversionen von Songs, die erst später veröffentlicht wurden. Neben den Stücken des Debuts (bis auf „I don’t wanna go down to the basement“) sind nämlich noch „I remember you“, „Glad to see you go“ und „California sun“ von „Leave home“ dabei.

Nur aufgrund der Tatsache, dass diese Liveaufnahme erst nach dem Ende der Band erschien und somit nicht ganz als reguläre Live-CD gilt, landet sie hier auf Platz 4. Hätte es sie schon früher gegeben und ich sie lange Jahre geliebt, hätte sie auch die Top-Position einnehmen können!

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5. Loud, fast Ramones (2-CD, 2002, 93:06)
Bei dieser CD handelt es sich um eine von Johnny Ramone zusammengestellte Compilation mit besonders harten, schnellen Ramones-Songs. Trotzdem bleiben natürlich die meisten bekannten Hits nicht unberücksichtigt. Soweit erstmal kein Kandidat für diese Liste hier. Jedoch gibt es eine „limited“ Edition mit zweiter CD und auf eben jener sind acht Songs eines Konzertes von 1985. Das ist dann also die oben als „Mitte zwei“ bezeichnete Phase und auch die einzige offizielle Liveaufnahme mit Richie am Schlagzeug.
Das alleine schon rechtfertigt die Aufnahme in diese Top5, aber natürlich ist dieser Liveausschnitt auch noch gut. Mir persönlich gefallen die frühen oder späten Aufnahmen besser, weil sie punkiger sind. Trotzdem ist es interessant, mal zu hören wie in der etwas vom Radiopop und Hardrock beeinflussten Zeit ein Konzert klang. Dabei stellt man fest, dass Radiopop hier fehlt und der Hardrock sich in den teilweise etwas metallischeren Gitarren zeigt.

Die Songauswahl ist ein guter Querschnitt durch alle bis dahin erschienenen Platten plus „Smash you“ (B-Seite). Die Schlagzeugarbeit finde ich tadellos, allerdings ist die Liveatmosphäre auf dieser CD nicht so ausgeprägt, auch wenn das Publikum laut ist. Und – auch sehr schade – die Angelegenheit ist viel zu kurz! (Die oben angegebene  Spielzeit beinhaltet die Best-of-CD.) Natürlich bei weitem kein komplettes Konzert. Mit im Schnitt 136 Sekunden pro Song übrigens auch ein wenig langsamer gespielt oder einfach mit längeren Stücken ausgestattet als die anderen Liveaufnahmen.

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Damit hätten wir die besten Livescheiben der Ramones.
Vertreten sind einmal Spätphase, zweimal Frühphase, eine Übergangsplatte und der zweite Teil der mittleren Phase. Es fehlt vollständig der frühe mittlere Teil, also 1978-82. Immerhin kann man Ausschnitte von Konzerten aus dieser Phase auf DVD sehen und zwar:
Auf der „Musikladen“-DVD (1978 mit CD dabei; eher geeignet als Sozialstudie des Publikums), dieser Auftritt wurde auch schon verschiedentlich im Fernsehen ausgestrahlt.
Auf der „It’s alive 1974-1996“ DVD, allerdings auch nur sehr kurze oder unvollständige Ausschnitte.
Und auf der „RAW“-DVD, Teile eines Auftritts in Italien 1980 (ganz gut).

Stay alive and rock on
Harvey

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