Urlaub, Schottland, Erinnerungen

Loch Ness, Scotland

Ich mag Irland, England und ganz besonders Schottland.
Als Student  machte ich mit einem Freund vier Wochen Urlaub in Schottland.

Aber das war auch nötig. Erstens haben Studis lange Semesterferien (in denen ich zwar immer einiges zu tun hatte, aber nie die ganze Zeit) und zweitens hatte ich zu der Zeit bereits seit vier Jahren keinen Urlaub mehr gemacht.

Irgendwann fand der letzte Urlaub mit der Familie statt und es war eine ziemliche Qual: ständig Streit zwischen allen Beteiligten, der darin gipfelte, dass meine Mutter sagte, sie würde „nie wieder“ mit mir in Urlaub fahren.
Ich war dann im Jahr danach mit einem Kumpel zwei Wochen per Rad im Urlaub.

In den folgenden Jahren versuchte ich, meine Freunde davon zu überzeugen, alle zusammen loszufahren und dabei richtig heftig Party zu machen.
Das klappte leider nicht. Entweder musste ein Kumpel auf’s elterliche Haus aufpassen, oder einer hatte kein Geld, durfte aber auch nicht arbeiten, und ein andermal musste ein Freund drei Wochen mit der Familie weg.
Es wurde nie was! Und ich machte den Fehler, es jedes Jahr wieder zu versuchen. Ich wollte nicht mit nur zwei oder drei Leuten wegfahren, nein alle fünf unserer „Clique“ und vielleicht noch mehr sollten es sein.

Erst nachdem ich den Zivi ohne Pause und ohne jeglichen Urlaub und die ersten zwei Semester Studium hinter mir hatte – fuhren wir dann eben nur zu zweit weg.
Wir flogen nach London und fuhren mit mehreren Zwischenstopps per Bus nach Schottland und machten dort einen Bogen entgegen dem Uhrzeigersinn, um dann am Ende wieder mit dem Bus nach London zurück zu fahren.

Das war ein sehr guter Urlaub, der massenhaft grüne Landschaften und Hügel und auch schöne Seen (etwa Loch Ness) zu bieten hatte. Ganz im Norden – in Wick – klammerte sich eine Burgruine bei pfeifendem Wind verzweifelt an die schwindenden Steilhänge.
Unglaubliche Momente. (Gerade da hatte übrigens meine Kamera einen Defekt und ich machte 15 Bilder an der selben Stelle, weil der Film nicht transportiert wurde.)

Was der Urlaub allerdings überhaupt nicht zu bieten hatte, war Kontakt zu Menschen. Es war ganz schön einsam da oben und Party gab’s auch keine.
Außerdem merkten wir nach vier Wochen doch, dass man ein bisschen bekloppt wird, wenn man den ganzen Tag nur die eine selbe andere Fresse sehen muss.

Andererseits war das auch ganz lustig: der Schwachsinn, den wir so laberten und machten. Einmalig: wir kletterten einen Trampelpfad in „Silly walks“ hinab und fotografierten das natürlich.

Musik war rar in jenem Urlaub. In London kauften wir ein paar Sachen ein, Hören war aber nicht: ich hatte einen Walkman mit (Kassetten) und das war’s denn. Da stopften wir tatsächlich manchmal jeder einen Kopfhörer ins Ohr und tranken dann unsere ein bis zwei Dosenbier (für mehr reichte das Geld nicht).

Doch der Höhepunkt: wir fuhren nach Haddington, dem Heimatort von Fish. Einfach mal so.
Wo der genau wohnte, wussten wir allerdings nicht. Und wir trauten uns auch nicht jemanden zu fragen. Was hätten wir überhaupt dort machen wollen?
Aber wir gingen in den örtlichen Pub und staunten über die Auswahl der Music-Box: da gab’s Kate Bush, Jethro Tull und ähnliche britische Bands, die hierzulande niemals in Kneipen gespielt wurden.

Und dann entdeckten wir den Plattenladen von Haddington. Das war ein recht normaler Laden, wo es die eine oder andere Rarität von Big Country zu kaufen gab und man ein bisschen stöbern konnte.
Doch der Laden veränderte sich schlagartig, als einer von uns den Besitzer auf das „For Fish and Marillion stuff, please ask“-Schild ansprach.
Da holte dieser eine Kiste heraus und in der war alles, was der Sammler der alten Marillion und eben von Fish begehrt: seltene Maxis, Picture Shape-Platten, nummerierte Special-Editions usw.

Während Harvey wie immer sparsam war und sich zwei, drei schöne Teile kaufte, fragte der Kumpel nach Rabatt bei einem „richtig großen Einkauf“.
Den bekam er. Wir packten danach alles in ein Paket, das über 30 Mark Porto (umgerechnet) kostete. Und ab nach Hause.
Den Krempel hätten wir nämlich nie tragen können, da unsere Rucksäcke sowieso schon über 20kg wogen und bei längeren Fußmärschen arge Schwierigkeiten bereiteten.
Irgendwie schaffte ich es trotzdem, die am Ende in London erstandenen lila Docs nach Hause zu schleppen. Wir hatten halt nochmal 10kg Handgepäck…

Die Picture-Maxi „Internal exile“ von Fish mit der Nummer 11081 hängt heute an meiner Wand.
Sollte es wirklich über 10000 Stück davon gegeben haben, so liegen wahrscheinlich noch immer 5000 in jenem Laden.
Wenn ich mal wieder in der Nähe von Edinburgh bin schaue ich nach.

Noch ein paar Erkenntnisse aus dem Urlaub:

1) Der Schotte an sich ist ein rauer Bursche. Damit er in der Wildnis überleben kann, auch wenn mal tagelang kein Herd in der Nähe ist, hat er McVities Rich Tea Cakes erfunden. Das sind Kekse, die von außen fast wie runde Butterkekse aussehen. Verlockend, dachte sich der Kumpel und kaufte gleich eine Doppelpackung, die zudem noch 30% Bonuskekse enthielt. Für den zusätzlichen Tag in der Wildnis – oder auch im Bus vielleicht.
Als wir wieder in Deutschland ankamen, hatte er etwa drei der Kekse verzehrt. Und das ist der große Vorteil von McVities: sie halten endlos!
Es sollte also kein Problem sein, mit so einer Doppelpackung sechs Wochen in der Einöde zu überleben.
Irreführend ist allerdings die Bezeichnung Rich Tea Cakes. Denn in der Wildnis hat man natürlich keinen Tee. Mit Tee entfalten diese Kekse auch nicht wirklich ihre ganze Kraft. Man ist geneigt, sie dort hinein zu tunken, dann werden sie labberig und das ist nicht schön.
Nein, McVities sind gemacht, um von kraftvollen Kiefern unter den wettergegerbten Gesichtern des wilden Schottenmannes zermalt zu werden. Das ist ihre Bestimmung.

2) Schotten fahren total auf Speiseeis ab. So dolle, dass sie selbst im Oktober dreimal täglich mit dem Eiswagen über den völlig verlassenen Campingplatz gurken. Wahrscheinlich, um die riesigen Restmengen dann selbst verschlecken zu dürfen. Außerdem spielt der Lautsprecher des Eiswagens tolle Melodien, die nur geringfügig an die nervenzerreißende Musik alter  Horrorfilme erinnern.

3) Schotten sprechen angeblich Englisch mit schottischem Akzent. Das stimmt aber nicht. In Wirklichkeit sprechen sie eine Mischung aus Schottisch und seltsamen kehligen Lauten aus der Urzeit.
Manche Leute, wie etwa der Harvey, denken, nur weil sie viele schottische Bands hören, die ziemlich verständliches Englisch singen und auch bei etwas kauderwelschigeren Ansagen noch zu verstehen sind, würden sie auch den Otto-Normal-Schotten (ONS) verstehen.
Tatsächlich ist aber zum Verstehen dieses ONS ein spezielles Gen nötig, das nicht jeder besitzt. Idealer Test, um festzustellen, ob man dieses Gen besitzt: nach dem Weg fragen.
Harvey fragt also einen ONS sowas wie: „How do we get to the city if we leave the bus at the next stop?“. Kumpel steht dabei.
Der ONS antwortet.
Wir steigen aus.
Harvey sagt: „Scheisse ey, ich hab‘ nix gerafft! Müssen wir mal so rumsuchen, wo’s langgeht.“
Kumpel sagt: „Hier geradeaus durch, erste rechts und dann bei der Kirche können wir die Fußgängerzone schon sehen. Konnte man doch gut verstehen.“

Stay alive and rock on
Harvey

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One thought on “Urlaub, Schottland, Erinnerungen

  1. Super Text! Ich habe so gelacht. Besonders über den groben Burschen der mit Hilfe von McVities Rich Tea Cakes überlebt und das es im Norden einsam ist und Party nicht angesagt war. Vieles von dem was Du geschrieben hast habe ich auf die eine und andere Weise auch erlebt. Was zu 100% stimmt ist die Sache mit Speiseeis. Ich bin mit einem Schotten zusammen und wir fahren im tiefsten Winter oder heftigsten Herbststurm nach South Queensferry oder Biggar zum Eis essen. Ich hoffe, Du schreibst weitere, denn es mach echt Spass Deine Sachen zu lesen.

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